Aufklärung des Kindes über seine Adoption - 
eine Hilfe für Eltern


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Der oder die Jugendliche

Pubertät ist eine Zeit des biologischen und sozialen Umbruchs. Die verwirrenden Veränderungen und Krisen dieser Entwicklungsphase können Jugendliche hin- und herwerfen, auch die Eltern werden davon betroffen. In dieser Zeit der Spannungen besteht die Gefahr, dass Adoptiveltern manche Probleme der Jugendlichen auf die Tatsache der Adoption zurückführen, statt sie als typische Verhaltensweisen dieser Entwicklungsphase zu sehen. Es gibt Adoptiveltern, die sich über die entwickelnde Sexualität ihrer Kinder Gedanken machen, falls die leibliche Mutter ihres Adoptivkindes wechselnde Bekanntschaften hatte. Sie fürchten vielleicht, dass ihre jugendliche Tochter die Fehler ihrer Mutter wiederholen wird und machen sich bei Kontakten ihrer Tochter mit dem anderen Geschlecht übermäßige Sorgen. Das adoptierte Mädchen selbst mag sich über die Labilität ihrer leiblichen Mutter Gedanken machen und ängstlich und unsicher werden über ihre sich normal entwickelnden sexuellen Gefühle. Das ist schade, da sexuelles Verhalten nicht angeboren ist. Wichtig für den Heranwachsenden ist, zu einem befriedigenden Gefühl seiner eigenen Identität zu gelangen. Das bedeutet auch, herauszufinden, in welchen Punkten man gleich ist wie andere Leute und in welchen verschieden. Zwischen Unabhängigkeit und Abhängigkeit von anderen muss ein Gleichgewicht gefunden werden. Jugendliche müssen ihre eigenen Erfahrungen machen, um sich selbst und ihre Stärken und Schwächen zu erproben. Dabei neigen sie gelegentlich zu Extremen: Im Aussehen, im Verhalten und in den Interessen wollen sie sein wie ihre Altersgenossen - und gleichzeitig möglichst verschieden von ihren Eltern-, angefangen von der Kleidung über Fragen der Politik und Religion bis hin zu Berufs- und Partnerwahl. In dieser Zeit machen sich Adoptiveltern häufig Sorgen, dass erbliche Fehler beim Kind herauskommen könnten. Der Jugendliche mag der Ansicht sein, dass seine leiblichen Eltern viel verständnisvoller und weniger altmodisch gewesen wären als seine Adoptiveltern. Ohne Zweifel spielt das Erbgut eine Rolle bei der Bestimmung des Aussehens, der Intelligenz und, im geringeren Umfang, der Persönlichkeit. Es hat jedoch kaum etwas mit den Verhaltensweisen oder moralischen Einstellungen zu tun. Diese Dinge lernen wir von den Personen unserer Umgebung, hauptsächlich natürlich von der unmittelbaren Familie, aber auch von der Schule und der Gesellschaft. Adoptiveltern haben daher genau die gleiche Verantwortlichkeit für das Verhalten ihrer Kinder wie alle anderen Eltern - nicht mehr und nicht weniger. Es gibt jedoch einige zusätzliche Probleme, die durch die Adoption selbst entstehen: Der adoptierte Jugendliche muss mit dem Wissen umgehen, zwei Elternpaare zu haben, und mit der Tatsache, dass das biologische und das kulturelle Erbe aus zwei verschiedenen Quellen stammt. Zudem müssen Adoptierte mit unbeantworteten Fragen und Lücken in ihrem Wissen über sich selbst leben. Es ist für sie auch schwieriger, sich selbst und ihre eigenen Reaktionen auf bestimmte Dinge zu verstehen. Die meisten von uns lernen viel über sich selbst, indem sie ihre Eltern, Großeltern, Verwandte kennenlernen. Sie können bestimmte Fähigkeiten, Neigungen, Besonderheiten des Aussehens oder bestimmte Persönlichkeitszüge aus der Generationenfolge und der Verwandtschaft erklären. Adoptierte Jugendliche dagegen wissen oft nicht, wie sie sich selbst sehen und einschätzen sollen.

Das können Probleme sein, aber man darf sie nicht überbewerten. Auch viele Kinder von geschiedenen Eltern haben zwei Elternpaare; manche wissen wenig von dem einen oder anderen Elternteil. Sowohl bei Eltern als auch bei Lehrern ist eines der häufigsten Missverständnisse, die Adoption für die ganz normalen Schwierigkeiten beim Erwachsenwerden verantwortlich zu machen und sie überzubewerten. Adoptierte Kinder haben ja auf der anderen Seite den enormen Vorteil, in ihre neuen Familien durch Auswahl und nicht durch Zufall gekommen zu sein, erwünscht und geliebt. Daher ist es nicht richtig, adoptierte Kinder entschädigen zu wollen oder besondere Ausnahmen für sie zu machen. Sicher werden sie von Zeit zu Zeit besonderes Verständnis brauchen, und Adoptiveltern sollten wegen ihrer besonderen Situation einfühlsam sein; dies gilt aber letztlich für alle Kinder. Wichtig ist, sich ins Gedächtnis zu rufen, dass Adoption nur eine Tatsache unter vielen anderen im Leben eines Jugendlichen ist. Wenn er tatsächlich ständige Probleme im Zusammenhang mit der Adoption hat, dann hängt das fast immer mit den Einstellungen der Adoptiveltern zusammen. Sie konnten sich vielleicht innerlich immer noch nicht mit ihrer Unfruchtbarkeit aussöhnen oder sie machen sich Gedanken über die nichteheliche Abstammung oder Herkunft ihres Kindes. Auch die adoptierten Jugendlichen, die sich in ihrer Adoptivfamilie wohl und integriert fühlen, können durch Zeiten tiefer Sorge und Verwirrung über ihre Situation hindurchgehen. Eine ältere, jetzt glücklich verheiratete adoptierte Frau sagte rückblickend über ihre Beziehung zu ihren Eltern: "Ich war im Alter zwischen 16 und 22 Jahren abscheulich zu ihnen. Natürlich machte uns dies zeitweise sehr unglücklich, und ich glaubte dann, dass meine Adoption ein kompletter Fehler war; aber jetzt können wir über unsere Verschiedenheit miteinander sprechen. Es gibt einen großen Unterschied in dem, was ich mit 21 fühlte und was ich jetzt fühle. Ich glaube jetzt, dass es verarbeitet ist." Das ist möglicherweise typisch für viele Adoptivfamilien, aber es kann auch für manche sonstigen Familien gelten. Jugendliche haben Zeiten, in denen sie ernsthaft an die Möglichkeit denken, mehr über ihre leiblichen Eltern herauszufinden oder sie sogar zu treffen. Manche finden bald heraus, dass dies nicht ratsam für sie wäre; denn sie und ihre leiblichen Eltern wären Fremde füreinander Einige Adoptierte haben von einem oder mehreren Treffen profitiert, da diese Begegnungen ihre Neugierde befriedigen oder die Antwort auf besondere Fragen geben konnten. Dauernde Beziehungen haben sich daraus sehr selten entwickelt. Wenn adoptierte Jugendliche den Wunsch nach Kontakten mit ihren leiblichen Eltern äußern, kann dies zunächst bei den Adoptiveltern große Ängste und Sorgen auslösen. Manche Adoptiveltern bemühen sich dann, ihr Kind von diesem Gedanken mit allen möglichen Mitteln abzubringen, es abzulenken oder das Vorhaben als unmöglich hinzustellen. Sie machen sich Sorgen, ihr Kind könnte sich den leiblichen Eltern wieder zuwenden und sie verlassen. Dabei denken sie zu wenig daran, dass der adoptierte Jugendliche ein ernsthaftes Bedürfnis hat, mehr über seine Eltern und die Umstände seiner Freigabe zu erfahren, nicht allein aus Neugierde, sondern auch, um sich selber besser kennen zu lernen und in seiner Identität zu festigen. Daher erscheint es günstiger - statt zu verbieten, abzuwehren oder abzulenken - offen und verständnisvoll mit dem Jugendlichen über seine Wünsche zu sprechen und, soweit möglich, diesen berechtigten Bedürfnissen nachzukommen. Die Adoptivfamilie. kann zusammen mit dem Jugendlichen zu der Adoptionsvermittlungsstelle gehen und sich von der dortigen Fachkraft alle Informationen über die leiblichen Eltern und die Umstände der Freigabe geben lassen. Viele Jugendliche sind mit diesen Informationen und mit dem verständnisvollen Eingehen auf ihre Fragen zufriedengestellt. Der Jugendliche hat ja auch das Recht, mit 16Jahren in die Abstammungsurkunde Einsicht zu nehmen. Sollte der Jugendliche nach wie vor ein direktes Treffen mit seinen leiblichen Eltern wünschen, dürfte auch hier die Einschaltung der damals beteiligten Adoptionsvermittlungsstelle günstig sein. Es könnte ja sein, dass die leibliche Mutter oder der Vater den Kontakt mit ihrem Kind nicht wünscht, z. B. weil sie in der Zwischenzeit verheiratet ist und die Freigabe zur Adoption ihrem Ehemann verschwiegen hat, weil sie selbst zuviel Angst hat vor einem Treffen mit ihrem Kind oder sich wegen ihrer Situation schämt. Die Fachkraft der Vermittlungsstelle kann mit den leiblichen Eltern selbst Kontakt aufnehmen und den Wunsch des adoptierten Jugendlichen nach einem Treffen besprechen. Sollte auf beiden Seiten der Wunsch nach einem Kontakt vorhanden sein, kann man das weitere Vorgehen in Ruhe bedenken. Manchmal ist es nicht nur für den Adoptierten befreiend, die "anderen" Eltern einmal kennen gelernt zu haben, sondern auch für den freigebenden Elternteil entlastend. Der erlebt endlich, dass es seinem Kind gut geht und er kann ihm unmittelbar erklären, warum er sich seinerzeit zur Freigabe entschlossen hat. Adoptiveltern haben oft Sorgen, ihr Adoptivkind könnte durch den Kontakt mit den leiblichen Eltern von ihnen abrücken. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass sich die Bindung zwischen Adoptivkind und Adoptiveltern eher vertieft, wenn es den Eltern gelingt, ihre Angst zu überwinden und ihrem Kind Kontakte mit den leiblichen Eltern zu ermöglichen. Wie gesagt: Manche Jugendliche sind auch zufrieden, wenn sie erleben, dass ihre Eltern diesen Wunsch verstehen und soweit möglich unterstützen. Ein Erwachsener drückte das einmal so aus: "Als ich meine andere Mutter kennen lernte, konnte sie mir viele meiner Fragen beantworten, was meine Eltern halt nicht wussten. Da verstand ich noch besser, wer ich bin. Und auch, dass ich wirklich zu meinen Eltern, ich meine natürlich die Adoptiveltern, Gehöre. Jetzt stehen keine Fragen mehr dazwischen. Es ist nichts besonderes mehr Ich bin wie jeder andere. " Das Selbstbild einer Person - seine Gefühle über sich selbst -wird überwiegend während der Kindheit gebildet und hängt von den Einstellungen seiner Familie ihr gegenüber ab. Wenn Adoptiveltern das Kind um seiner selbst willen völlig akzeptieren konnten (das bedeutet nicht, immer sein Verhalten zu akzeptieren!), dann wird es in der Lage sein, seine individuellen Möglichkeiten zu entwickeln, sich selbst zu erkunden und seine eigenen Grenzen anzunehmen. Es kann sein Bild von sich auf eine realistische Basis stellen und seinen eigenen, annehmbaren Platz im Rahmen der Umwelt finden. Information über seine Herkunft empfindet er dann als notwendig, aber nicht als überwältigend wichtig. Seine Stärke und Befriedigung kommt von seiner gegenwärtigen, sehr realen Familie. Wenn dem adoptierten Jugendlichen die Informationen zur Verfügung gestellt werden, die er braucht, und die Freiheit, sie zu benützen, wird er die Elemente seines doppelten Erbes in dieser einzigartigen Kombination zusammenfügen, die er selbst ist - und damit seine Identität erreichen.


 


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